Wochenendseminar Internationalismus Reloaded

Angefangen mit dem Algerienkrieg Ende der 1950er Jahre hat die Solidarität mit antikolonialen Befreiungsbewegungen in Ländern des globalen Südens mindestens 30 Jahre lang eine äußerst wichtige Rolle in der (westeuropäischen) Linken und ihren Vorstellungen von globaler Organisierung gespielt. Der Protest gegen den Krieg in Vietnam, die Unterstützung afrikanischer, asiatischer und lateinamerikanischer Befreiungsbewegungen, von Kambodscha und Laos über den Kongo, Angola, Zimbabwe, bis El Salvador und Nicaragua sowie die Organisierung von breit angelegten Kampagnen – beispielsweise gegen das südafrikanische Apartheidsregime oder gegen den Putsch Pinochets in Chile – sind aus den Biographien mehrerer Generationen Linker nicht wegzudenken.

In der mit dem Ende der Blockkonfrontation einhergehenden Umstrukturierung der deutschen Linken scheint der ehemals selbstverständliche internationale Bezug einer auf Befreiung zielenden politischen Praxis zur Randerscheinung geworden zu sein: Wenn sich überhaupt noch größere Mobilisierungen entlang internationalistischer Themen erzielen lassen, dann haben diese nicht länger die praktische Solidarität mit Bewegungen oder, je nach politischer Wetterlage, Regierungen anderer Länder zum Gegenstand, sondern vielmehr die Institutionen, denen eine wirtschaftsliberale Regulation der globalen Wirtschafts- und Lebensverhältnisse vorgeworfen wird: die WTO, die G8, den IWF. Dem korrespondiert eine linke Kritik an Theorie und Praxis der klassischen antiimperialistischen und internationalistischen Solidaritätsbewegung. Positiver Bezug auf nationalistische Kollektive, Glorifizierung nationaler völkische und Befreiungsbewegungen, Fetischisierung des bewaffneten Kampfes, simplifizierende Gut-Böse-Weltbilder mit den USA als Hauptfeind, antisemitisch aufgeladener Antizionismus, fehlender Bezug auf soziale Auseinandersetzungen im Norden – lang liest sich die Liste tatsächlicher oder angeblicher Verfehlungen.

Und dennoch: Bei allen Irrungen und Wirrungen glauben wir, dass der Kollaps grenzüberschreitender, globaler linker Praxis nach 1989 ein handfestes politisches Desaster war – und das aus mindestens drei Gründen: erstens weil Herrschaft und Gewalt immer seltener im globalen Zusammenhang betrachtet wurden. Problematisch war insbesondere, dass ein empirisch unterfüttertes Verständnis für das Wechselspiel zwischen gelingender Kapitalakkumulation in den Zentren und aggressiver Peripherisierung ganzer Weltregionen zunehmend flöten gegangen ist.
Zweitens weil Emanzipation und Widerstand nur noch vereinzelt als ein notwendigerweise in transnationalen Organisierungsprozessen verankertes Projekt bestimmt wurden und die Vielfalt und Stärke sozialer Bewegungen im globalen Süden weitgehend von der mentalen Landkarte verschwand.
Drittens weil die oftmals apokalyptisch anmutenden Existenzbedingungen in der Peripherie kaum noch als Skandal geschweige denn als Handlungsaufforderung begriffen wurden – weder intellektuell noch emotional.

In dem Wochenendseminar „Internationalismus reloaded“ wollen wir einen Überblick bieten über die vergangenen Versuche, in Deutschland Strukturen linker internationaler Solidarität aufzubauen, ihre Konzepte und Praktiken, ihre Grenzen, Fallstricke und Erfolge. Hiervon ausgehend wollen wir in die Diskussion treten über Grundzüge eines möglichen neuen Internationalismus, der nicht gezwungen ist, die Fehler der Vergangenheit blind zu wiederholen, aber auch nicht geschichtsvergessen den Bruch mit den gewesenen Projekten globaler Befreiung verkündet. Widerstand entlang globaler Produktionsketten, entlang der Migration als internationaler sozialer Bewegung, Solidarität mit dem Sozialismus des 21. Jahrhunderts: Euch erwartet eine Vorstellung vielfältiger internationalistischer Kampagnen der Gegenwart ebenso wie die Möglichkeit, miteinander in Kontakt und Austausch zu treten – für eine Linke die der Grausamkeit weltweit wütender kapitalistischer Ausbeutung eine gleichsam weltweite Perspektive der Veränderung entgegenzusetzen vermag.

Das Seminar soll sich sowohl an Menschen richten, die gerade erst beginnen, Internationalismus als wichtiges Feld linker Politik zu entdecken, als auch an Aktive, die Interesse an anderen Erfahrungen und Kämpfen haben. Für die Teilnahme am Seminar sind also explizit keine Vorkenntnisse oder -wissen notwendig.